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Uwe Justus Wenzel: Unverwüstliches Menschenwesen

Eine Schrift aus dem Nachlass des Panajotis Kondylis


 

Panajotis Kondylis: Das Politische und der Mensch. Grundzüge einer Sozialontologie. Band I: Soziale Beziehung; Verstehen, Rationalität. Aus dem Nachlass herausgegeben von Falk Horst. Akademie Verlag, Berlin 1999, 715 S., Fr. 148 DM.


 

In: Neue Züricher Zeitung, 12. Oktober 1999, S. B17


 

Aus dem Blickwinkel akademischer Normalität nahm seine Gestalt sich ein wenig eigenbrötlerisch aus. Nicht unstimmig darum, wenn er als zwischen Athen und Heidelberg pendelnder „Privatgelehrter“ in den Klappentexten seiner Bücher , figuriert. Gemessen an den nur fünfundfünfzig Lebensjahren, die Panajotis Kondylis beschieden waren, sind es nicht wenige Titel, die er publiziert hat; und vor allem: es sind darunter solche, die man, einer akademischen Gepflogenheit gemäß, als Standardwerke bezeichnen darf. Etwa die - umfangreichen - Studien zur „Entstehung der Dialektik“ im Deutschen Idealismus (1979), über die „Aufklärung im Rahmen des neuzeitlichen Rationalismus“ (1981), über „geschichtlichen Gehalt und Untergang“ des Konservativismus (1986) sowie zur „Neu-zeitlichen Metaphysikkritik“ (1990).

Ideengeschichte also war das Metier von Kondylis. Allerdings betrieb er sie, mit einem außer Gebrauch geratenen Ausdruck gesagt, als Weltanschauungsanalyse. Auch - und vor allem - dies ließ ihn als eigenwillig erscheinen. Bisweilen wurde, was er tat, sogar als anstößig empfunden. Jedenfalls in der Philosophenzunft, auf die und deren Konventionen der Weltanschauungsanalytiker ja gewissermaßen von Berufs wegen einen Blick von außen richtet. Was er so sieht, hängt, natürlich, von seinem eigenen „Weltbild“ ab. Dasjenige von Kondylis war erklärtermaßen „banal“. Es seien rational nicht mehr (weiter) begründbare, von schierem Selbstbehauptungswillen gefasste „Entscheidungen“, in denen Weltbilder und Werthaltungen „letztlich“ wurzelten. Die menschlichen Angelegenheiten boten sich ihm als Parallelogramm individueller und kollektiver Akteure dar, die sich „notgedrungen“ um die Erhaltung und Erweiterung ihrer Macht kümmerten - im Falle der Philosophen durch den Austausch von Argumenten. So etwa steht es zu lesen in dem schlanken, 1984 erschienen Buch „Macht und Entscheidung. Die Herausbildung der Weltbilder und die Wertfrage“.


 

Deskriptor


 

Die Methode solcher Weltanschauungsanalyse nannte er damals „deskriptiven Dezisionismus“. Er wollte die Entscheidungen beschreiben, nicht unterschreiben. Und „Grundentscheidungen“ verbargen sich ihm insbesondere auch hinter Konzepten, die jeder Willkür, jedem Machtkalkül demonstrativ entsagen - hinter normativen Theorien und humanistischen Weltbildern. Die Attitüde des distanzierten Beobachters und die des entlarvenden Ideologiekritikers verschmolzen zu der des überlegenen und „wertfreien“ Deskriptors. Angesichts dessen lassen sich - banale - Rückfragen nicht unterdrücken. Zum Beispiel diese: Was ist mit dem „Machtanspruch“, der sich - notgedrungen - auch mit der Existenz des Machtanalytikers verbindet? Steht er nicht in Konkurrenz zum Anspruch auf „Wertfreiheit“? Oder ist die erstrebte Deutungsmacht eine reine, eine engelgleiche „Metamacht“, die die Beschreibungen nicht verzerrt? Anders und einfacher gefragt: Ist die (krude?) Selbsterhaltungsanthropologie, die Kondylis in allen seinen - detaillierten und scharfsinnigen- ideengeschichtlichen Untersuchungen lediglich voraussetzt und die er auch in jener schmalen Programmschrift von 1984 nur bekenntnishaft skizziert, überzeugend?

Das Manuskript, das Kondylis bei seinem Tod im letzten Jahr hinterlassen hat, bietet einigen Aufschluss auch in dieser Frage. Es handelt sich um den nahezu vollendeten ersten einer auf drei Bände angelegten sozialphilosophischen Trilogie mit dem Titel „Das Politische und der Mensch. Grundzüge der Sozialontologie“. Der Torso ist nun, herausgegeben von Falk Horst, im Akademie-Verlag erschienen. Gut 700 - engbedruckte - Seiten stark, ist das Buch in gewisser Weise das einzige des Autors, das - und nicht beiläufig - systematisch philosophischen Charakter hat: keine Weltanschauungsanalyse im angedeuteten Sinn, sondern etwas, das selbst zum Objekt einer solchen gemacht werden könnte ... Ganz ohne wissenssoziologische Optik (wie man es auch nennen dürfte) kommt Kondylis jedoch in seinem letzten Werk nicht aus. Die Konkurrenten im Felde der Sozialphilosophie - ihrer sind viele -– werden nicht nur Aug' in Aug' mit den Mitteln immanenter Kritik, demontiert. Sie werden zudem, von der Seite, von hinten und oben, als Symptome ihrer Zeit dechiffriert: als Ausdruck des „massendemokratischen Zeitalters“.

Dahinter steckt diese Einschätzung (Kondylis greift hier zurück auf seine Studie von 1991 über den „Niedergang der bürgerlichen Denk- und Lebensform“): Um die letzte Jahrhundertwende habe sich, mit der Etablierung der Massendemokratie, auch ein „Paradigmenwechsel“ im vorherrschenden Weltbild zu vollziehen begonnen, die Ablösung der „synthetisch-harmonisierenden“ durch die „analytisch-kombinatorische“, der liberal-modernen durch die massendemokratisch-postmoderne Denkfigur. Die Garanten bürgerlicher Denk- und Lebensweise: Natur, Geschichte, Mensch, verblassten zusehends, verlören ihren substantiellen Charakter. Übrig blieben Atome, die unter rein funktionellen Aspekten mobilisiert, ausgetauscht und kombiniert werden könnten - wie Spielsteine auf einer „ebenen und homogenen Fläche“, die keine Krümmungen, keine substantiellen, unaufhebbaren Hierarchisierungen mehr kenne.

Das diesem Weltbild entsprechende „massendemokratische“ Sozialmodell gehorche der Logik einer extremen funktionalen Flexibilisierung. Den Pfiff seiner Diagnose sieht Kondylis ohne Zweifel darin, dass angeblich alle drei gegenwärtig gängigen Haupttypen der Sozialtheorie nach diesem Modell - funktionieren. Ob die nutzenmaximierenden Individuen der „ökonomistischen“ Theorie, die vernünftigen Kommunikationspartner der Diskursethik oder die funktionellen Einheiten der kybernetisch inspirierten Systemtheorie: sie alle bewegen sich wie beliebig kombinierbare Atome in einem homogene Raum ohne Zentrum, wenn auch mit je verschiedenen Vorzeichen. Herausgehoben wird die Systemtheorie, da sie im Vergleich das vollständigste Inventar „massendemokratischer Gemeinplätze und ideologischer Irrtümer“ biete. Zu letzteren rechne insbesondere der Irrtum, den „politischen Faktor“ zu unterschätzen.

Gemeinplatz und Ideologie: Ob und wie zwischen beidem eine Trennlinie zu ziehen wäre, ist nicht leicht zu sehen. Für Kondylis scheint eine Sozialtheorie dann ideologisch zu werden, wenn sie eine „besondere sozialgeschichtliche Lage“ privilegiert und begrifflich verallgemeinert, also etwa „massenderokratische“ Spezifika zu sozialen oder anthropologischen Konstanten stilisiert. Dass die betreffende Theorie damit aber schon durch und durch invalide sei, behauptet er nicht. Wenn er dies täte, bliebe wohl auch keine aussagekräftige mehr übrig: Ideologien sind ihm notwendige Rationalisierungen, ohne die nichts geht. Die Rede vom „Ende der Ideologien“ hält er darum auch für eine selber ideologische, für den Ausdruck einer „evolutionistischen Geschichtsphilosophie“, auf welche die massendemokratische Sozialtheorie angewiesen sei.


 

Ontologe


 

Eine Ausnahme immerhin lässt er zu, eine nicht ab ovo ideologieträchtige Theorie des Sozialen soll es geben: die seinige nämlich. Er reklamiert für sie - wiederum - „den“ deskriptiven Standpunkt. Wie will er sich aus dem ideologischen Geschäft heraushalten? Indem er eine „Tiefendimension“ erschließt, die sich gegenüber perspektivischen Verzerrungen „neutral“ verhalte, ihnen „immer schon“ vorausgehe und zugrunde liege. Neutralität durch Fundamentalität: auf diese Formel ließe sich das theoretische Programm von Kondylis bringen. «Sozialontologie» ist der - freilich wenig gebräuchliche - Terminus technicus dafür: die Lehre von den allgemeinsten, nicht noch einmal „hinterfragbaren“ Bestimmungen des sozialen Seins. Kondylis verwendet den Terminus nur im Singular und mit bestimmtem Artikel. Sozialphilosophische und soziologische Theorien, die ihrer fundamentalen Ausrichtung wegen eine Anwartschaft auf den Titel im Ernst geltend machen könnten, scheinen nicht in Sicht zu sein. Neutralität ist anspruchsvoll.

Wie sieht jene Dimension aus? Flüssig, mobil und vielgestaltig. Kondylis nimmt beim - ersten - Blick in die Tiefe ein „offenes und plastisches Feld“ ohne Zentrum und Peripherie wahr, das zwar durch Kausalitäten bestimmt, nicht aber von Gesetzen beherrscht werde. Mit „letzten“ und stabilen Formen hat diese Ontologie es offenkundig nicht zu tun, sie dementiert sich, recht besehen, sogar als Ontologie: Der proteushafte Charakter der elementaren „Kräfte oder Faktoren“ des Sozialen, so wird dem Leser mitgeteilt, gebe kein allgültiges Grundmuster preis, aus dem der Philosoph ein oberstes normatives Kriterium zur Betrachtung von Gesellschaft und Geschichte gewinnen könnte. Die „Grundlagenanalyse“ mache im Gegenteil deutlich, dass ein solches Kriterium unmöglich sei.

Die - abstrakten - Bilder, die Kondylis evoziert, um das „Fluidum“ des sozialen Seins zu beschreiben, erinnern in manchem merkwürdig an die mobile Kombinatorik des massendemokratischen Sozialmodells. Indes erschöpft sich seine Sozialontologie nicht in dem Versuch, ein unfassliches soziales Magma zu beschwören. Das beginnt recht eigentlich der philosophische Beitrag des Autors zur Frage nach den sozial wirksamen, Gesellschaft bildenden „Kräften oder Faktoren“. Er spricht von einem Triptychon von solchen Faktoren: die soziale Beziehung, das Politische, der Mensch. Nur der erste Teil des Triptychons hat Schriftform angenommen. Um ihn zu würdigen, müsste man sich auf eine gründliche, verweilende Lektüre einlassen.

So viel sei vorläufig gesagt: Gesellschaft soll den gleichen Umfang haben wie die sozialen Beziehungen, ihren verbindlichen Rahmen aber erst durch diejenigen Beziehungen erhalten, die politische Qualität besitzen: die sich auf die Gesell-

schaft als ein Ganzes und dessen Grenzen beziehen. Den nicht schon in diesem Sinne politischen Interaktionen zwischen Menschen - sie sind das Thema des ersten Bandes - eigne eine gleichbleibende „Disposition“ (die sie auch dann nicht verlören, wenn sie politisch werden). Sie bewegten sich stets in einem spannungsreichen Spektrum, dessen Pole Freundschaft und Feindschaft seien. Und sie vollzögen sich mittels eines zweitaktigen „Mechanismus“, mittels zweier „mentaler Akte“ (die in Zeit und Raum sich erstreckende Außenseiten haben): des Aktes der Wahrnehmung des Anderen als undurchdringliche - und auch unberechenbare - Subjektivität sowie des Sichhineinversetzens in die Lage des Anderen. In diesem Szenario sieht Kondylis auch die alles weitere prägende Machtdynamik entspringen.

Die Andeutungen genügen, um manche Brisanz des detailreichen Entwurfs wenigstens ahnen zu lassen. (Er entfaltet sich in steter Diskussion der einschlägigen soziologischen und philosophischen Literatur, wobei allerdings das Ignorieren von Emmanuel Levinas - bei einer Liste von 1300 Titeln! - ins Auge sticht.) Verglichen mit früheren Reflexionen hat das triebtheoretische, das „naturalistische“ Vokabular nun augenscheinlich etwas weniger Gewicht. Gleichwohl behält der Gedanke der Selbsterhaltung die Oberhand: Das „Bedürfnis nach Identität“ amalgamiere sich dem „Selbsterhaltungstrieb“, aus beidem resultiere das „Bedürfnis nach Macht“. So die simple Gleichung. Mit ihr unterbietet Kondylis die von ihm selbst skizzierte Konstellation von Ich und Anderem krass. Dass die Psyche, wie er an einer Stelle doch auch schreibt, nach Anerkennung und Bestätigung der eigenen Identität lechze, vermag den harten Kern der Selbsterhaltung offenbar nicht anzutasten. Von Dynamik, von Plastizität und Offenheit finden sich im archaisch Eingekapselten keine Spuren. - Zuletzt regiert der Reflex. In ihm sind Humanität und Bestialität ununterscheidbar. Panajotis Kondylis hält den Menschen, weil er als Mensch wie als Bestie Mensch bleibe, für unverwüstlich. Auch das ist Humanismus - eine Weltanschauung.

 

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