Michael Mayer: Was Gesellschaft sei
Mit kaltem Blick: „Das politische und der Mensch“, das Nachlasswerk des Sozialphilosophen Panajotis Kondylis.
Panajotis Kondylis: Das Politische und der Mensch. Grundzüge einer Sozialontologie. Band I: Soziale Beziehung; Verstehen, Rationalität. Aus dem Nchl. Hrsg. von Falk Horst. Akademie Verlag, Berlin 1999, 715 S., 148 DM.
In: Berliner Zeitung, 20./21.11.1999.
Der frühe Tod des Panajotis Kondylis vor gut einem Jahr kam jäh. Die Reaktionen darauf sprengten den Rahmen des Üblichen. Über das Maß routinierter Nachrufsrhetorik hinaus war die Mit- und Nachwelt bestürzt. Der wechselnd in Griechenland und Deutschland lebende Kondylis war nicht nur ein Grenzgänger zwischen den geografischen Welten. Er verstand es meisterhaft, zwischen theoretischer Fern- und zeitdiagnostischer Nahperspektive zu changieren. Seine Analysen bestachen durch empirische Fasslichkeit wie theoretische Tiefenschärfe. Er hatte die seltene Fähigkeit, politische Prozesse philosophisch zu deuten, zuprüfen, zu prognostizieren, ohne die Phänomene zu bloßen Exempeln vorfabrizierter Theoreme abzurichten, ohne die Arbeit des Begriffs als plumpen Nachvollzug des Status quo abzuwerten. Der dröge Positivismus politologischer Provenienz war ihm so fremd wie die oft wirklichkeitstaube Sterilität fachphilosophischer Begriffsakrobatik.
Zur methodischen Finesse gesellte sich ein wohltuend prosaischer Ton, eine spröde Nüchternheit bei der Einschätzung zeit-geschichtlicher Entwicklungen. Das Timbre gesinnungspazifistischer Proklamatorik, die vor dem politischen Ernstfall gleich versagt, war ihm zuwider. Politik, das war und das ist zuallererst Machtpolitik, der Kampf um Einfluss, Ressourcen, das Ringen zur Durchsetzung von kollektiv organisierten Interessen. Illusionen auf diesem Terrain zeitigen häufig fatale Konsequenzen. Er wusste das. Daher auch die oft in seinen Sätzen spürbare Gereiztheit, das Raue, Unfreundliche. Der kalte Blick aufs Detail wie aufs Ganze war wesentlicher Bestandteil seines intellektuellen Selbstverständnisses, seines Ethos. All, das muss man im Auge behalten, will man sich ein Bild des Panajotis Kondylis machen.
Und vor allem: will man den Sinn, den Zweck seiner Fragment gebliebenen, nun postum veröffentlichten „Sozialontologie” richtig einschätzen. Während der Untertitel verrät, dass es sich dabei nur um einen ersten, abgeschlossenen Teil eines weit umfassenderen Projekts, handelt, gibt der Obertitel -„Das Politische und der Mensch" - schon eine erste Intuition seiner immensen Dimensionen. Dass es nicht bei bloßer Ahnung bleibt, ist dem nahezu komplett ausgeführten ersten Band geschuldet, der eine klare Skizze der Begriffs-Architektur enthält - ein Glück im Unglück des durch den Tod des Autors abgebrochenen Opus Magnum: „Grundzüge der Sozialontologie” - der Titel artikuliert den Anspruch und kündigt die zu leistende Schwerstarbeit der Kritik an.
Sie hat einen dreifachen Einsatz, der bei jeder Etappe erkennbar auf früheren Arbeiten als fundierenden' Bausteinen fußt. So rekurriert seine Auseinandersetzung mit den Sozialtheorien großer Reichweite - gemeint sind die Systemtheorie zumal Luhmann'schen Ursprungs, die Kritische Theorie kommunikativen Handelns wie der theoretisch etwas schmalbrüstigere Ökonomismus jüngeren Datums - auf seinen Begriff der modernen Massendemokratie. Deren Aufkommen, ihre innere Verfasstheit wie Entwicklungslogik beschrieb er im „Niedergang der bürgerlichen Denk- und Lebensfarm” (1991), längst ein Klassiker der ideengeschichtlichen Historiografie. Typisches Merkmal massendemokratischer Gesellschaften sind die Dynamisierung, Atomisierung, Substituierbarkeit aller Elemente des gesellschaftlichen Systems, das unter dem „Primat des funktionalen Gesichtspunktes« der analytisch-kombinatorischen Denkfigur verpflichtet ist.
Die massendemokratische Revolution, findet nun ihren Niederschlag in besagten Sozialtheorien, in dem diese unter der Hand eine spezifische, wenn auch die derzeit dominierende Gestalt gesellschaftlicher Organisation zum Paradigma des Sozialen überhaupt erheben. Kondylis gebraucht ein altes Wort, um diesen Vorgang der latenten Idealisierung zu kennzeichnen: Ideologie. Ebenso wie Massendemokratien gerade in ihrer behaupteten Ideologiefreiheit ideologisch seien, sind es auch die sich gleichfalls als postideologisch verstehenden Sozialtheorien, indem sie eine historisch besondere Gesellschaftsformation, eben die massendemokratische, zum Urbild des Sozialen stilisieren. Wohinter implizit eine „evolutionistische Geschichtsphilosophie” stecke, die nicht nur einen radikalen Bruch zwischen vormoderner und moderner Gesellschaft behauptet. Die unterstellte Zäsur erlaubt zugleich, die Tradition der vormodernen Sozialtheorien abzuqualifizieren, zumal deren „anthropologische und politische Ausrichtung”. Ein folgenschwerer' Fehler, wie Kondylis. zeigen wird, da die Frage nach dem Menschen; Anthropologie} wie die nach dem Politischen wesentliche Bestandteile einer Sozialontologie sein müssen. Zur Konstitution eines allgemeinen Begriffs der Gesellschaft, des „sozialen Seins”, taugen die modernen Sozialtheorien jedenfalls nicht. Kondylis' Vorbehalt gegen die Massendemokratie, der nicht zuletzt seinem Festhalten an der Kategorie des Nationalstaates abzulesen ist, verdoppelt sich somit auf abstrakter Ebene in seiner Kritik einer Gattung von Theorien, deren Anspruch hoher und höchster Reichweite ideologiekritisch konterkariert wird.
Etwas anders und doch mit ähnlichem Resultat ergeht es den Sozialwissenschaften. Sie sind Kondylis nicht als Einzelwissenschaften, die historische und soziale Prozesse kausal zu erklären versuchen, problematisch. Problematisch ist ihm die Verwechslung einer genuin sozialwissenschaftlichen Perspektive mit jener „sozialontologischen Tiefendimension”, die „bei weitem flüssiger, mobiler und vielgestaltiger” sei als „alles, was die einzelnen Sozialwissenschaften an Hand ihres begrifflichen Instrumentariums erfassen können”.
Und die Philosophie? Es versteht sich von selbst, dass erst in der Kontroverse mit konkurrierenden sozialphilosophischen, respektive sozialontologischen Ansätzen das Anliegen Kondylis' genauere Konturen gewinnt. Und seine These dazu ist verblüffend einfach, fast frech. Denn für Kondylis gibt es bislang gar keine Sozialontologie, die ihrem Begriff Genüge zu tun vermag, weil sowohl der philosophische Dialogismus etwa eines Martin Buber oder Franz Rosenzweig, als auch die im Anschluss an Husserls Phänomenologie unternommenen sozialphilosophischen Versuche allesamt danach trachteten, das Soziale aus der Beziehung zwischen Individuen abzuleiten. Umgekehrt aber wird ein Schuh daraus: diese Beziehung wurde erst auf der Basis einer entwickelten Sozialontologie begriffen werden können, die das „Sein der Gesellschaft” vorab zu bestimmen hätte. Deshalb sei auch der Hinweis Michael Theunissens, der mit seinem 1965 erschienenen „Der Andere” die bis dato maßgebliche Sozialontologie im deutschsprachigen Raum vorlegte, auf den „vorgesellschaftlichen” Charakter der Ich-Du-Beziehung irreführend. Sie sei stricto sensu „nachgesellschaftlich”.
Auch wenn man sich fragen kann und wohl auch muss, warum Kondylis hierbei etwa die Sozialphilosophie Emmanuel Lévinas' ignoriert, der für das Verhältnis zwischen der ethischen Beziehung „Ich-Anderer” und der sozialen Interaktion einen ganz eigenen, allemal bedenkenswerten Dreh findet, ist in dieser Tour de Force der basale Status des Begriffs Gesellschaft ebenso geklärt wie der einer Sozialontologie als Fundamentaldisziplin. Von hier aus erst wird deutlich, was Kondylis in seinem Werk zu unternehmen wagte: die Darstellung einer überzeitlichen, für jedwede Form menschlicher Gesellschaft gültigen und auf andere Begriffe nicht rückführbaren Kategorie des „sozialen Seins”. Diese Darstellung des Begriffs gliedert sich in drei Hinsichten, was sich auch in der Abfolge des auf drei Bände angelegten Werkes hätte widerspiegeln sollen. Der erste vorliegende Band, der zum Glück schon einen Aufriss des „sozialontologischen Triptychons” enthält, widmet sich der „sozialen Beziehung”, die koextensiv mit dem Sein der Gesellschaft sei, aber sich erst vor deren Hintergrund entfalten könne. Im zweiten wäre es um das „Politische” zu tun gewesen als jener spezifischen Form der Interaktion, die sich auf die Gesellschaft als zu ordnendes Ganzes bezieht; im dritten schließlich wäre der „Mensch” als elementarer Kraft sozialen Seins thematisch geworden, da jede soziale Beziehung anthropologisch spezifiziert werden könne. Ohnehin, so Kondylis, sei der Rückgriff auf Anthropologie schon wegen der Frage unvermeidlich, was Menschen überhaupt zu jenen speziellen Interaktionen anhält, die das Politische genannt werden.
Die innere Logik, das Spektrum wie der Mechanismus dieser sozial-ontologischen Trinität sind gewiss nicht einfach zu verstehen. Das Buch Kondylis' ist denn auch keines der schnellen oder auch nur der einmaligen Lektüre, sondern des behutsamen, langwierigen, sorgsamen Studiums. Es wird die Seminare mehr beschäftigen als die Feuilletons und öffentlichen Debatten. Dass es dennoch weit mehr darstellt als ein nur Spezialisten interessierendes Grundlagenwerk zeigt nicht zuletzt seine „unmoderne” Rehabilitation jener Bestimmungen, die man schon in tödlichem Siechtum wähnte: das Politische und der Mensch. Dass Kondylis auf sie als Grundkategorien des Sozialen abhebt, ist das Spektakuläre, ganz Unzeitgemäße seines Bruchstück gebliebenen großen Versuchs.