Eberhard Straub: Das freie Kunstwerk des Staats
Panajotis Kondylis: „Konservativismus“
Panajotis Kondylis: Konservativismus. Geschichtlicher Gehalt und Untergang. Klett- Cotta, Stuttgart 1986. 550 S.
In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30. September 1986, S. L 28
Alle politischen Schlagworte, die immer noch eine ideologische und soziologische Charakterisierung ermöglichen sollen - konservativ, liberal, sozialistisch, bürgerlich, demokratisch -, haben längst ihren präzisen ideologischen und soziologischen Sinn eingebüßt. Sie entstanden in der Auseinandersetzung mit der bürgerlichen Leistungsgesellschaft und dem von ihr durchgesetzten Parlamentarismus und Konstitutionalismus. Das Bürgertum, das sich lange genug berechtigt glaubte, die Nation unbefangen zu repräsentieren, verlor seine bevorzugte, eben repräsentative Stellung im Laufe dieses Jahrhunderts. Seine Grundwerte, Besitz und Bildung, wurden erfolgreich entwertet. In der weitgehend homogenisierten Massengesellschaft, umhegt vom Sozialstaat der „Volksparteien”, herrscht ein vager Sozialdemokratismus vor. Er mag aus festlichen oder polemischen Gründen nicht ganz auf Erinnerungen an die Freund- und Feindbilder früherer Epochen verzichten, da er deren konkurrierenden Wettbewerb aufhob, was ihm werbend-legitimierende Überzeugungskraft verleiht.
Konservativ ist ein Reizwort. Es reizt vor allem jene, die so genannt werden. Nicht einmal zu Unrecht. Denn es gibt keine Konservativen mehr. Wie Panajotis Kondylis in seinem - es sei gleich gesagt - brillanten Buch: „Konservativismus. Geschichtliche Gestalt und Untergang” mit historisch vertiefter, behaglicher Lust, die geistige Bequemlichkeit ein wenig zu beunruhigen, entwickelt, vertreten heute selbst die Sonderlinge, die sich unumwunden konservativ nennen, alt- oder neoliberale Positionen, gegen die sich der klassische Konservativismus erst heftig, bald resignativ wehrte, bis er endlich im Liberalismus aufging. Der Konservativismus äußert sich heute in einem Liberalismus, der nach weniger Staat und mehr Markt verlangt, den repräsentativen Parlamentarismus vor plebiszitären Tendenzen gesichert sehen will, die Autorität der Institutionen, des Gesetzes gegenüber phantasievollen Aktionen radikaldemokratischer Spontaneität verteidigt wissen möchte, dem bürokratischen Sozialstaat misstraut, den Bildungsverfall beklagt, die egalisierende Vermassung fürchtet.
Das muss nun wieder Liberale verwirren, die nach all den Spaltungen und Spannungen in der Geschichte des Liberalismus sich nur noch verschämt an die Traditionen ursprünglich liberaler Hoffnungen und Kritik erinnern, und erst recht jene Sozial- oder Christdemokraten, die sich wechselseitig auf den Liberalismus berufen und ebensolche Liberalen, die noch lockere Beziehungen zu alt- oder neoliberalen Überzeugungen unterhalten, als konservativ oder gar reaktionär klassifizieren. Kondylis' Buch führt mitten hinein in die Unbestimmtheit aller Begriffe und Positionen, die als Strand- und Beutegut des neunzehnten Jahrhunderts zum Verbrauch, zur Verwertung übrig blieben.
Zugleich aber gibt er dem Konservativismus als einer konkreten, historischen Erscheinung seine scharf umrissene Gestalt zurück, indem er diese ideologische und sozialpolitische Strömung auf das engste mit den Interessen ihrer Vertreter verknüpft, also mit dem Adel, der konservativ wurde, um seine Herrschaftsstellung zu behaupten. Der Adel befand sich seit dem sechzehnten Jahrhundert, seit dem Aufkommen des modernen, bürokratischen, effizienten Staates, im Widerspruch zu allen Tendenzen, die allmählich die überkommene societas civilis mit ihren Rechten, Freiheiten, Privilegien unter der Autorität des Gesetzes vereinheitlichend umformen wollten.
Es bedurfte nicht erst der Französischen Revolution, wie Kondylis überzeugend erläutert, um den Adel in Gegensatz zum souveränen Staat, zur Modernität überhaupt zu bringen. Längst vor der Revolution waren die Ideen zu Waffen geschmiedet in der Auseinandersetzung mit dem Absolutismus, der, im Umschlag von der monarchischen zur demokratisch-parlamentarischen Form, sich nur äußerlich änderte, an seinen Prinzipien hingegen sehr erfolgreich und dynamisch festhielt. Dass die Revolution nur fortführte, was der Absolutismus der Könige allmählich vorbereitet hatte, diese Überzeugung Tocquevilles war längst vor ihm bekannt. Die nachrevolutionären Konservativen argumentierten mit den gleichen Ideen, den gleichen geistigen Waffen gegen den neuen Staat und die neue Gesellschaft, wie gegen die zentralisierende, egalisierende Monarchie, eben weil ihnen der neue Staat gar nicht als eine grundsätzlich neue Erscheinung vorkam.
Das Wort „konservativ” wird erst im neunzehnten Jahrhundert geprägt. Aber schon im sechzehnten Jahrhundert machte der Adel die „Konservation des Gemeinwesens” von der strengen Beobachtung des guten, alten, heiligen Rechtes abhängig, von der „Conservierung unserer Privilegien”. Lange vor der Revolution verstand sich der Adel als „principe conservateur de l’état”. Es ging ihm um seine Herrschaftsstellung, doch zugleich um die Ordnung der alten societas civilis, die als übergeordnete Größe den Monarchen, als Teil der res publica, ebenso verpflichtete wie alle übrigen Glieder, die nicht alle gleichberechtigt waren, die aber verlangen durften, in ihren jeweiligen Rechten nicht geschmälert zu werden. Nicht die Gesetzgebung, sondern die Jurisdiktion, die Rechtssuche und Rechtsentscheidung, prägten die Vorstellungen der alten societas civilis, deren Grundlagen der Adel gegenüber dem monarchisch organisierenden Prinzip zu verteidigen suchte. Denn das Recht ist vorgegeben, es kann nicht gemacht werden, es ist Ausdruck eines wesenhaft gerechten Gottes, der die Weltharmonie stiftete, die alle, trotz Eintrübungen und unzulänglichen Verständnisses, umfasst. Eben deshalb wird das Recht immer neu interpretiert, es wird gefunden, wenn es verdunkelt, gedeutet, wenn es verunglückt ist. Der König ist Richter, nicht Gesetzgeber. Das Recht ist göttlich, das Gesetz aber, als Menschenwerk, als bewusste Setzung und Konstruktion, ist unzulänglich, der Laune, der Willkür verwandt.
Der adelige Protest seit dem sechzehnten Jahrhundert richtete sich im Namen des Rechtes gegen den sich entwickelnden Gesetzgebungsstaat, gegen Bürgertum und Beamtenadel, die den königlichen Staat aufgrund ihrer Interessen stützten. Mit der Absicht der Monarchen, vom Richter zum Gesetzgeber zu werden, äußerte sich zugleich der Wille, die von Gott wohlgefällig geordnete Gesellschaft, so wie sie bestand, umzustrukturieren. Der Staat, aber auch die Gesellschaft wurden nach und nach zum vernünftigen Werk der Planung, der gesetzgebend-rationalen Phantasie, zu einem Resultat rein menschlichen Kalküls, wie der Adel fand: zum Ausdruck der Willkür und Laune, die den Reichtum berechtigter sozialer Beziehungen einebneten und das corpus mysticum von Staat und Gesellschaft auflösten, um mit der Gleichheit vor dem Gesetz das ungesellige Prinzip der Individuation zur Herrschaft zu verhelfen. Denn das Gesetz herrscht über jeden in gleicher Weise und befreit die gleich Betroffenen von den Gruppen, von den Kollektiven, die nach adeligem Verständnis dem einzelnen erst seinen persönlichen Rang, seine sittliche Stellung ermöglichen und ihn gerade vor der Vereinzelung, der Entfremdung schützen.
Mit dem Protest gegen den Gesetzgebungsstaat verband sich als dessen Konsequenz der Protest gegen die allmählich vollzogene Trennung von Privatem und Öffentlichem, von Staat und Gesellschaft, Legalität und Moralität, der Protest gegen die Toleranz, die Relativierung der herkömmlichen Grundsätze, deren Historisierung und Individualisierung. Der souveräne Staat mit seiner „Pseudopolitik”, seiner Zweckrationalität widersprach der adlig-konservativen politica christiana, die sich in Einklang mit einer ratio wusste, die die mit dem göttlichen Jus, aber nichts mit dem menschlichen Gesetz, mit einem Staat zu haben wollte, der sich als freies Kunstwerk der Gesellschaft gegenüberstellte, ihr Freiräume überließ, nur um sie desto nutzbringender für seine Zwecke zu organisieren. Der Voluntarismus der Monarchen, des Staates, seiner Beamten, die Idee einer allgemeinen Wohlfahrt, die seit dem siebzehnten Jahrhundert auf einen Eudämonismus zielte und nicht auf die sichere Bewahrung einer Ordnung, in dem jedem das seine zukommt, mussten nach adeliger Auffassung das Streben nach Konsum, Luxus, nach Auflösung der kollektiven Sozialbindungen verursachen. Das ganze Reservoir sozial- und kulturkritischer Argumente der Konservativen des frühen neunzehnten Jahrhunderts, sei es gegen den Staat, die Bürokratie, den Kapitalismus, ist gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts ideologisch gewonnen und in immer neuen Variationen, je nach dem Moment, verwertet worden.
Das Dilemma des konservativen Adels bestand aber von vornherein darin, dass er trotz allen Protestes gegen die souveränen Monarchen sich dennoch mit dem souveränen Staat immer wieder verbündete, verbünden musste, um ihn sich für die eigenen Interessen gefügig zu machen. Dadurch näherte sich der Adel wiederum vielen neuen Tendenzen, die er theoretisch ablehnte. Doch der monarchische Staat der vorrevolutionären Zeit hütete sich seinerseits, grundsätzlich die Überzeugungen der herkömmlichen societas civilis in Frage zu stellen. Mit dem Herrscherideal, mit soziologischen und staatspolitischen Traktaten wurde zumindest immer wieder an die Grundlagen jener Ordnung erinnert, der sich auch der selbstbewussteste Fürst nicht gänzlich zu entziehen vermochte. Als nun mit der Revolution das Ancien régime umgestürzt wurde, musste der Adel im Prinzip der monarchischen Legitimität, im königlichen Staat, gegen den er sich lange genug gewehrt hatte, seinen besten Schutz gegenüber liberalen, schon demokratisierenden Bestrebungen erkennen.
Der Konservativismus, wie er sich nun theoretisch-begriffen nannte, führte in der Tradition des adeligen Protestes seine Polemik fort, gegen den seelenlosen Staat, die Vereinzelung und Selbstentfremdung des Individuums, gegen den Materialismus der Bürger, gegen den Egoismus des Kapitals, gegen alles Gemachte, Unorganische, Gekünstelte. Aber er war dennoch bereit, die äußerste Vollmacht staatlicher Einrichtungen für seine Interessen zu akzeptieren, wenn es sein musste in Form der Diktatur, als vorübergehender Möglichkeit wie im antiken Rom. Der Druck der Massen gegen Besitz und Bildung führte die Konservativen spätestens nach 1848 zum Bündnis mit den Liberalen, zu einer Interessengemeinschaft des Besitzes. Der Konservativismus ging im Liberalismus unter. Was sich später, bis weit in die zwanziger Jahre, noch konservativ nannte, waren für Kondylis nur Nationalliberale, die für staatliche Effizienz, Leistung, freie Wirtschaft und so wenig Sozialstaat wie möglich eintraten.
Versailles radikalisierte das nationale und liberale Bürgertum. Liberal, aufgeklärt, parlamentarisch, hoch industrialisiert, wurde es von seinen „Klassengenossen" im Namen der Aufklärung, der Humanität, des Parlamentarismus aus der Gemeinschaft des „Westens”, zu der es immer gehört hatte, ausgegliedert. Aus Trotz, aus Erbitterung verwandten die Liberalen und jene, die sich als Liberale dennoch konservativ nannten, jetzt vorwiegend nationalistische, rassische, sozialistische Konzepte, suchten sie einen spezifisch deutschen Weg, einen ethischen Sozialismus, der zugleich einer freien Wirtschaft nicht im Wege stände und die egalisierende Tendenzen abschwächte, damit eine neue Elite sich heranbilden könne. Es war der Westen, wie Kondylis meint, der das Bürgertum in Deutschland radikalisierte, enttäuscht darüber, dass die beiden liberal-imperialistischen Mächte, England und Frankreich, ebenjenes Deutschland, das mit der Selbstverständlichkeit des imperialistisch gesonnenen Liberalismus seinen Anspruch zum Kreis der Weltmächte zu gehören, geltend gemacht hatte, nun aus der liberal-humanen Gesellschaft ausschlossen und es damit auf eine Bahn lenkten, die zum Dritten Reich führte.
Deutschland befand sich nicht seit einem Jahrhundert auf einem vom Liberalismus wegführenden „Sonderweg“. Seine Entwicklung auch in den trübsten Äußerungen ideologischer Vermischungen verlief bis 1918 nicht grundsätzlich anders. Kondylis, der immer wieder englische, französische, spanische Quellen zitiert, um die Geschichte nicht des deutschen Konservativismus allein, sondern eben des europäischen mit allen seinen Nuancen, zu schildern, belegt eindringlich genug, wie verwandt die verschiedenen nationalen Formen und Sonderformen, wie ähnlich die jeweiligen ideologischen Konflikte, Vermischungen, Bündnisse in einem sehr ideologisierten Jahrhundert waren. Mit seinem Buch befreit er nicht nur die Überlegungen zum deutschen Konservativismus aus einer engen, über den eigenen Nabel verhangen meditierender Schau. Er sieht die deutsche Geschichte als selbstverständlichen Teil der europäischen, als Geschichte eines Landes, das nur vorübergehend vom Westen auf einen besonderen, deutschen Weg gedrängt worden war. Manche deutsche Historiker sehen das anders. Sie werden ihre Mühe mit diesem Buche haben, aber die Mühe lohnt sich.