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Peter Bauer:

Von Verblendung und Erbötigkeit des „Homunculus Politicus“

Über Panajotis Kondylis, Das Politische im 20. Jahrhundert. Von den Utopien zur Globalisierung, Heidelberg 2001 (Manutius Verlag)

In: Siebzehnte Etappe. Organon für Politik, Kultur & Wissenschaft, Bonn 2003.


 

Vor allem seit dem 11. September 2001 kann der aufmerksame Zeitgenosse gleichsam unter den Bedingungen eines ethnologischen Feldversuchs beobachten, wie effektiv politisches und militärisches Handeln durch die Instrumentalisierung von Ideen konsensfähig gemacht, in Gang gesetzt und in seinen Abläufen gesteuert werden kann. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund dieser akuten und wohl noch lange nicht zu überwindenden Erscheinungen wirkt die Lektüre der vorliegenden Sammlung politischer Aufsätze des Philosophen und Historikers Panajotis Kondylis befreiend wie das Öffnen eines Fensters bei verbrauchter Raumluft: Diese Texte könnten beitragen zu einer Renaissance fundamentaler Ideologiekritik und zu einem erneuten Überdenken der Prämissen unserer menschlichen Lebensgemeinschaft im Zeitalter der rapiden Entgrenzungen. Kondylis’ Gedanken haben, um der geistigen Heimat des Autors eine kleine begriffliche Reverenz zu erweisen, ihren ganz spezifischen ‘Kairós’ wenige Jahre nach der Niederschrift gefunden; sie offerieren Nützliches zum rechten Zeitpunkt und lesen sich streckenweise wie eine warnende Bilanz von Risikofaktoren, die sich nun konkretisiert haben als Ursachen einer kollektiven Schutzsuche im Sinne des bis zur Hysterie heißgelaufenen Credos „Ich glaube an Eine Freie Welt - und die Pforten des Internationalen Terrorismus werden sie nicht überwältigen.“

Kondylis selbst versteht seine Weise des Zugriffs auf gesellschaftlich-politische Gegebenheiten als rein deskriptiv, und zwar ausgerichtet sowohl auf das konkrete Handeln als auch auf die kausal oder intentional damit verflochtenen Theorien und Ideen. Beim Abgleich von Ideengeschichte und Realgeschichte ergibt sich der Befund einer permanenten Differenz zu Lasten der Durchsetzungskraft normativer ethischer Prinzipien: für Kondylis der Grund einer Illusionslosigkeit, die sein heutiger Leser zunächst nur als Hoffnungslosigkeit glaubt auffassen zu können. Daß Kategorien wie Hoffnung oder Befürchtung nicht, jedenfalls nicht im Sinne therapeutischer Impulse, ins Spiel gebracht werden, läßt Kondylis’ politisches Denken hart und kalt erscheinen. Doch dieser Eindruck trügt. Ohne die Voraussetzung, die Mühe der Deskription lohne sich nicht allein um ihrer selbst willen, wäre diese Arbeit nicht getan worden. Der Autor weiß, gerade in seiner Eigenschaft als Ideologiekritiker, daß er zwangsläufig wiederum Ideen induziert, die sich in den gesellschaftlichen Prozeß einspeisen. - Wir können hier also stillschweigende Einigkeit darüber voraussetzen, daß am Prizip des Moralischen festzuhalten ist: aus Trotz, vor allem aber deshalb, weil wir keine bessere Wahl haben, um unser Zusammenleben zu organisieren.

Wenn Kondylis aus einer ideengeschichtlichen Bestandsaufnahme Perspektiven auf Akteure und Interessen der Weltpolitik im 21. Jahrhundert entwickelt, so stellt er seine Optionen stets unter den Leitaspekt einer gerechten Ordnung mit Einschluß der Vielen, die sich über das Niveau einer wie auch immer gearteten Verfügungsmasse vielleicht niemals werden erheben können: „die Eintracht zwischen Nationen bzw. politischen Einheiten oder zwischen Menschen überhaupt gerät nicht so sehr durch die Art und Weise in Gefahr, wie produziert und kommuniziert, sondern vornehmlich durch die, wie verteilt wird.“ (131) Der Befund einer „Hierarchisierung der Kulturen zum westlichen Vorteil“ (57) wird niemanden überraschen; gleichwohl kommt es einem Tabubruch nahe, dergleichen vorbehaltlos zu äußern, denn der seit dem Niedergang des kommunistischen Systems manifeste Trend zur Monopolisierung ideologischer Konzepte hat dazu geführt, daß der herrschaftsstützende Deutungscharakter von Ideologie mangels Differenz nicht mehr ganz so leicht wahrnehmbar ist wie ehedem. Daher kann auch die von Kondylis sehr betont herausgestellte methodische Prämisse der „grundsätzliche(n) Unterscheidung von Ideologie und Wirklichkeit“ (10f.) nur begrüßt werden. So trivial diese Position auch ist: gegen ihre landläufige Mißachtung muß sie immer wieder erneut ins Feld geführt werden. „Wer nicht das Sprachrohr der Macht sein will, der darf auch nicht das Bild der Macht übernehmen, das diese von sich selbst entwirft und anderen aufzwingt.“ (11) Indem Kondylis jegliche Deutungskategorie aus der Blickrichtung des Faktischen zum Objekt der Analyse macht und auf diese Weise die Problematik des normativen Anspruchs freilegt, sehen wir immerhin einmal wieder, welche Spielräume uns genommen sind.

Solche Einengung erweist sich natürlich auch jederzeit als ein zentraler Befund der historischen Analyse, aus der Kondylis eine prägnante Grundkonstellation entwickelt. Das Spannungsfeld ideologischer Makrostrukturen der jüngeren Geschichte wird dabei mit Marxismus/ Sozialismus, Konservativismus und bürgerlichem Liberalismus abgesteckt. Zu den Leitgedanken Kondylis’ gehört, daß diese Richtungen in direkter antagonistischer Verzahnung und damit weitgehend synchron seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts ihren paradigmatischen Rang eingebüßt haben und heute allenfalls noch Oberflächenphänomene sind. Die Gegenwart und die nähere Zukunft stehen dagegen im Zeichen der konsumorientierten Massendemokratie und der Globalisierung. Kondylis spricht übrigens komplementär zum Globalisierungsbegriff mit Vorliebe von der ‘planetarischen’ Dimension des politischen Geschehens. Darin liegt ein Gewinn, nicht nur, weil der Globalisierungsbegriff inzwischen schon reichlich verbraucht ist, sondern weil mit der Kennzeichnung ‘planetarisch’ viel nachdrücklicher auf die Gegebenheit des Aktionsfeldes Erde abgehoben wird, als es der dynamische, mit einer strategischen oder gar imperialistischen Note behaftete Globalisierungsbegriff insinuiert. So bleibt die Option auf Herbeiführung weltumspannender Strukturen vom Begriffsumfang ausgeklammert.

Präzise Definitionen und Kategorisierungen bezüglich der genannten ideologischen Makrostrukturen sind nicht ganz leicht ersichtlich; sie nachzuzeichnen, zu diskutieren und vielleicht auch etwas instruktiver zu fassen, würde mehr diskursiven Aufwand erfordern, als im Rahmen einer Rezension angezeigt ist. Instruktiv für einen ersten Zugang ist die in dem Zwischentitel „Die kommunistische und die liberale Utopie“ formulierte Analogisierung. Kondylis versucht, die Historisierung des Kommunismus so zu bewerkstelligen, daß gleichzeitig die verbreitete Auffassung, es handle sich bei dieser Aufgabe um die bloße Entsorgung einer unproduktiv unterlegenen Ideologie, als betriebsblind entlarvt wird. Die historische Rolle des Kommunismus ist nicht die eines Fremdkörpers im letztlich siegreichen ‘Abendland’ (das ihn ja hervorgebracht hatte) oder die eines moderierenden und sich dabei zernutzenden Katalysators einer gerechteren bürgerlich-liberalen Gesellschaft, sondern die einer komplementären Erscheinung eben dieser bürgerlichen Gesellschaft selbst; beide sind Teile „einer zu Ende gegangenen Phase der Weltgeschichte“ (15). Mit Blick auf diese Phase der ideologischen Konkurrenz, aber eben auch der Symbiose, warnt Kondylis davor, „die geschichtliche Wirkung von Marxismus und Kommunismus geringzuschätzen“ (21), ganz unabhängig von der Tatsache, daß seine utopischen Entwürfe nicht eingelöst wurden; dies wäre nur ein bequemer Vorwand, um davon absehen zu können, „wie der utopische Entwurf über seine sozialkritische Dimension zum Instrument von konkreter Politik, also von Machtpolitik wird“. (24) Indem sich der Kommunismus für eine Zeit realpolitisch so konkretisierte, daß er von konkurrierenden Weltentwerfern ernst genommen werden m u ß t e, erzwang er eine Abformung seiner ethischen Prinzipien durch eben diese Konkurrenten, die sich nun erst anschickten, „die gleiche Würde und die gleichen Rechte aller Menschen zu entdecken“ (27) und zu proklamieren, bevor auch ihr historisches Verfallsdatum erreicht war. - Hier deutet sich an, worum es im Kern geht: daß nämlich ideolgische Positionen generell durch den Entwurf einer Metaebene überformt werden, von der aus eine immerhin theoretische Neutralität in den Blick rückt. Der Gewinn ist eine Theorie der Ideologie(n), die vielleicht einen operationalisierbaren Mehrwert für das ‘humanum’ abwirft.

Paradoxerweise ist das Bild dieser Theorie zugleich außerordentlich aspektreich und verblüffend einfach. Das scheint an den eigentümlichen Reflexionsbewegungen des Autors zu liegen, die oft kleinräumig und mit einer gewissen insistierenden Erbitterung Probleme bearbeiten, um dann plötzlich zu unmittelbar evidenten, fast lapidaren Schlußfolgerungen zu kondensieren, die ihrerseits aber nun, eingebettet in den Kontext der intensiven Detailtheorie, wie in einem neuen Licht erscheinen - viel kostbarer, als sie es in der Form isolierter Thesen sein könnten. Es ist, als stehe hinter allem das Anliegen, zu zeigen, daß ‘die Wahrheit’ einfach sei, daß man es sich aber im Interesse des Fälschungsschutzes mit ihrer Begründung keinesfalls einfach machen dürfe. Die aus diesem Denkprozeß fließenden Texte lesen sich mit großem Genuß, weil sie leicht, assoziativ, fast wie improvisiert wirken und weil der Autor sich nicht scheut, etwas von der Emotionalität und scharf pointierenden Polemik stehen zu lassen, die ihn von ferne ein wenig mit Karl Kraus oder Schopenhauer verbindet. Doch ungeachtet aller überraschender Wendungen folgt Kondylis auf höherer struktureller Ebene einer weitgehend internalisierten Systematik, die er an anderer Stelle expliziert hat (Macht und Entscheidung. Die Herausbildung der Weltbilder und die Wertfrage, Stuttgart: Klett-Cotta 1984). Hier jedoch muß es genügen, aus dem problemorientierten Texten des vorliegenden Sammelbandes einen Grundriß zu filtern.

Politische Ideologie soll Wertsetzungen legitimieren, Machtansprüche begründen und dazu beitragen, Machtpositionen intern und extern zu stabilisieren. Sie gehört daher zu den Faktoren des objektiven Geschehens im gesellschaftlichen Raum und fließt in dessen empirisches Bild mit ein. Die Einschätzung der Leistungsfähigkeit von Ideen durch die Anwender selbst kann, zumal im Falle erwiesenen Nutzens, zu dem Trugschluß führen, der praktische Erfolg objektiviere die Richtigkeit der vorausgesetzten Idee, wodurch wiederum ihre Legitimität erwiesen und die Fortdauer ihrer Wirksamkeit garantiert sei. So kommt es zu der Verlockung, die eigene Ideologie nicht mehr primär als geistiges Konzept wahrzunehmen, sondern als Produkt und Qualitätsmerkmal der Verhältnisse selbst. Unter dem Schirm der Ideen wähnt man sich dispensiert von unvoreingenommener Prüfung der realen Verhältnisse. Diese allerdings behaupten ihren Primat gegenüber Wünschen und setzen nach Maßgabe der objektiven Kräfteverhältnisse durch, daß der im Wahn eines ideologischen Hausrechts Befangene untergeht - oder so exzessiv siegt, daß er seine Würde verliert. Kondylis insistiert darauf, es dürfe einen ‘Heimvorteil’ im Wettstreit der Ideen nicht geben - und im langen Atem der Geschichte wird dieser Vorbehalt denn auch periodisch verifiziert. Bezogen auf unsere Zeit heißt das für den Autor, der Selbstzufriedenheit und Siegeseuphorie des Westens nach dem Niedergang des kommunistischen Imperiums die Mahnung entgegenzusetzen, nicht analogen Fehleinschätzungen zu verfallen, die sich zu ähnlich riskanter und folgenschwerer Hybris auswachsen könnten.

So weit eine Skizze des systematischen Querschnitts. Im Längsschnitt ergibt sich als Grundmuster das Verfahren der historischen Analyse am Leitfaden von Ideologiekritik, also unter dem Primat der Ideengeschichte, bis an die Schwelle der Gegenwart. Jedoch wird der Horizont des Geschichtlichen auch transzendiert - freilich nicht im Sinne von Prognosen (die einem Historiker auch schlecht anstünden, zumal wenn er sein Feld in der Kritik utopistischer Ideologien erblickt), wohl aber in dem Sinne, daß das politische Denken und Handeln einer Grundhaltung verpflichtet wird, die das künftige Wohl a l l e r Menschen im Auge behält und sich daher nicht auf egoistische Projektionen verengen darf, sondern Öffnung, Ausgleich, Verständigung anzustreben hat. Da also die Zukunft durchaus in die Überlegungen einbezogen ist, trifft der editorische Sammeltitel „Das Politische im 20. Jahrhundert“ die Sache nicht so ganz. Besser ist der Titel „Vom 20. ins 21. Jahrhundert“, den Kondylis selbst der griechischen Erstveröffentlichung 1998 gegeben hatte. Der deutsche Titel mag namentlich jetzt, da die annotierte Zäsur überschritten ist, in die Irre führen: als handle es sich um bloße Retrospektive, um die Bilanz eines abgeschlossenen Zeitraums. Interesse verdient der Band genau deswegen, daß dem

n i c h t so ist.

Vor ihrer Zusammenführung in der erwähnten griechischen Ausgabe waren die Aufsätze zwischen 1993 und 1997 zumeist in der FAZ erstmals ‘verstreut’ erschienen. Was sie nun über eine bloß buchbinderhafte Vereinigung erhebt, ist neben der Homogenität des Ansatzes auch ihr Merkmal eines Vermächtnisses. Die Sammlung ist nämlich Fragment in einem besonderen Sinne: als persönliche Nachlese politischer Essays, die sich nun wie in einem Kaleidoskop zur letzten Momentaufnahme eines Denkprozesses fügen, bevor ihn der Tod abgebrochen hat. Dieses Bild ist tatsächlich kaleidoskopisch, nämlich differenziert und schlüssig zugleich; geeignet, um politisches Geschehen auch weiterhin instruktiv zu veranschaulichen. Wir sollten daher dieses Angebot bewahren als einen methodischen Leitfaden zur kritischen Reflexion politischer und gesellschaftlicher Fragen unserer Zukunft.


 

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